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Sylt - Nordseeinsel mit Geschichte
   Grosses Bild von Sylt mit Reisetipps - Route der Adlerschiffe

Ein berühmter Navigationslehrer war auch Kapitän Carl Hansen in Westerland. Allein in Hamburg waren von 1824 bis 1914 gut 90 Sylter in die Kapitänsliste eingetragen; neun von ihnen waren die Brüder Lassen. Der erfolgreichste der »Lassens von Sylt« war Nicolai Lassen, der in Hamburg sogar eine Reederei gründete. Lassen senior, ein Norweger, war mit einem dänischen Kutter 1809 auf der Flucht vor einem britischen Kriegsschiff  bei Rantum gestrandet. Er kam von Sylt nicht mehr los - was zweifellos an dem Sylter Mädchen Merret lag: Sie heiratete ihn und gebar ihm 21 Kinder. Als Dänemarks König Friedrich VI. auf Sylt zu Besuch war und sie kennenzulernen begehrte, kam sie kurz vor die Tür: »So sehe ich von vorn aus«, soll sie gesagt und sich umgedreht haben, »und so von hinten«, und schon sei sie im Haus verschwunden. Wahrscheinlich ist's erfunden; gewiß aber spiegelt diese Szene das stolze Selbstbewußtsein, das manche Sylter heute noch bekunden, wenn sie sich fremden Hochmuts zu erwehren haben. Die Sylter Kapitäne in der großen Zeit der Segel Schiffahrt hatten oft schon in ihrem vierten Lebensjahrzehnt genügend Geld auf ihrem Konto, um die Vorzüge des Daheimbleibens zu genießen. Ihre schönste Hinterlassenschaft ist das Grün von Keitum, der Baumbestand, mit dem sie den Ort schmückten, und in den Häusern, die sie bauten oder renovierten, blieb die Wohnlichkeit von engen, aber komfortablen Kapitänskajüten erhalten: Wandschränke, eingebaute Kojen, Vertärelungen. Die Innenseiten der Außenwände wurden mit Kacheln isoliert. Die Seeleute hatten sie aus Holland mitgebracht; kunstvoll mit maritimen Motiven bemalt, haben sie heute beträchtlichen Antiquitätenwert.Ein Spaziergang durch Keitum, in der Hochsaison am besten an einem sonnigen Tag, wenn der Ort, weil alle am Strand sind, leer von Menschen und Autos ist, führt auch zurück in die Sylter politische Geschichte: Ein Denkmal im Dorfkern erinnert an den Freiheitskämpfer Uwe Jens Lornsen, geboren 1793 in Keitum, aus dem Leben geschieden l838 am Genfer See; er schnitt sich die Pulsader auf und schoß sich mit der Pistole ins Herz. Sein Streit um die Unabhängigkeit Schleswig-Holsteins war vergeblich gewesen. Den endgültigen Verzicht der dänischen Krone auf die »up ewig ungedeelten« Herzogtümer brachte erst der Krieg, den 1864 Preußen und Österreich gegen Dänemark entfesselten. Als dann 1866 Preußen auch gegen Österreich gesiegt hatte, wurde Schleswig-Holstein und also auch Sylt preußisch-deutsch. In Keitum bewahren zwei Museen das kulturelle Erbe der Insel, das Heimatmuseum und das Altfriesischc Haus, beide betreut von der »Söl'nng Fornning« (Sylter Vereinigung). Die Friesen legen Wert darauf, daß sie ein besonderes, eigenes Volk seien. Friesisch ist kein deutscher Dialekt, sondern eine eigenständige Sprache. Gesprochen wird sie allerdings nur noch in wenigen Familien. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als Sylt 12 500 Einheimische zählte, wurden hier von 1945 bis 1948 rund 14 000 Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten untergebracht, meist in Kasernen und Baracken der ehemaligen Wehrmacht. Mehr als 3000 von ihnen blieben. In jenen Jahren war es vor allem Harald Hansen, Amtmann in Keitum, der mit einer »Friesischen Arbeitsgemeinschaft«, die auch Kontakte zu den Ost- und den holländischen Westfriesen anbahnte, den kulturellen Traditionen neuen Halt gab. »Goge« (Großvater), wie man ihn in Keitum nannte, setzte sich ähnlich unermüdlich für Sylt und die Pflege seines Geschichtsbewußtseins ein, wie es sein Namensvetter C. P. Hansen (1803-1879) getan hatte. Dieser Christian Peter Hansen, Schulmeister und Küster in Keitum, hat Sylter Historic, Sagen und Erzählungen durch forscht wie niemand sonst. In seiner Chronik, die er 1845 in einer Auflage von 50 Exemplaren verteilte, erklärt er den Namen »Sylt oder Silt« als Einkürzung von »Silendi« (Seeland), der ursprünglichen Bezeichnung dieses Landesteils von Nordfriesland; mit »sild«, dem dänischen Wort mr Hering, habe das nichts zu tun, obwohl dieser Fisch im 17. Jh. ins Sylter Wappen aufgenommen wurde. »Sild« steht auch in der ältesten bekannten Urkunde, in der die Insel erwähnt ist, 1141, als Dänemarks König Erich III. dem Kloster Odense Geld aus seinen Sylter Einkünften bewilligte. In Bestätigungsurkunden aus späteren Jahren heißt es rreilich »Siland«. Die Sylter Flagge, gelb (oder gold), rot, blau, waagerecht gestreift, ist die friesische. Nicht selten trägt sie den Wahlspruch »Rum hart, klaar kimming«, was man mit »Reines Herz, waches Auge« übersetzen kann. In seinem »Fremdenführer« schrieb C. P. Hansen: »Im Jahre 1850 fand ich auf der Insel Sylt 613 Wohnhäuser, von denen je doch nur 594 wirklich bewohnt waren.« Sylt hatte damals insgesamt 2764 Bewohner; mittler weile sind tast zehnmal mehr ständig ansässig. Hauptort war Keitum mit 772 Einwohnern. Bis 1868, ehe die Fahrtrinne ver schlickte, war er auch der Haupthafen. Zum Kirchspiel Keitum gehörten noch Tinnum (260 Einwohner), Archsum (200 Ew.), Bradcrup (98 Ew.), Kämpen (92 Ew.), Wenningstedt (39 Ew.) und List (50 Ew.). Im Kirchspiel Morsum wohnten 648 Menschen, im Kirchspiel Westerland 486, da von 36 in Rantum, das man im Rückzug vor Sturmfluten und den Wanderdünen immer weiter landeinwärts hatte verlegen müssen. Eine Ortschaft Hörnum gab es noch nicht, nur das alte Ge raune über Strandräuber, die dort in Erdhöhlen hausen sollten. Heu te hat Hörnum über 1000 Ein wohner; und der Hauptort, mit rund 10 000 Menschen, ist Westerland. »Wie gern mag ich im Dünen sand / Die Mittagszeit verträu men, / Wenn rauschend an die weiße Wand / Die grünen Wo gen schäumen«, reimte Julius Rodenberg, ein Literaturpapst, der die »Deutsche Rundschau« herausgab, in der auch Theodor Storm und Theodor Fontäne schrieben. Rodenberg war 1859 zum ersten Male in Westerland, wo einige geschäftstüchtige Syl ter angefangen hatten, ein See bad zu betreiben. Es mangelte nicht an Stimmen, die vor Gefährdung der Sittsamkeit warn ten und schon den Niedergang der Insel beklagten; aber der Zug einer neuen Zeit war abgefahren. Er rollte auf Hochtouren, als 1888 die erste Bahnlinie auf Sylt eröffnet wurde, zwischen Westerland und Munkmarsch, wo die Fährschiffe vom Festland anlegten. 1901 wurde die Bahn verbindung mit Hörnum, wo nun die Seebäderdampfer aus Hamburg festmachten, hergestellt; 1903 waren Wenningstedt und Kämpen angeschlossen, 1908 auch List. Asphaltstraßen zu diesen Orten gab es noch lange nicht. Im Jahrzehnt nach 1870 hatte der damalige Besitzer der Westerländer Seebadanlagen, ein Arzt namens Dr.Pollascek, mit geschickter Werbung die Gäste zahl pro Jahr von knapp 3000 auf 9000 steigern können trotz der Kurtaxe, die er auf Sylt ein führte: zehn Mark, für die Familie 18 Mark, ein damals unerhört hoher Betrag. Er schmeichelte dem gesellschaftlichen Rang der meisten Gäste, unter denen Jahr für Jahr eine berühmte Dichterin von Herz-Schmerz-Romanen diskrete Aufmerksamkeit er regte. Carmen Sylva war ihr Pseudonym; doch alle Welt wußte: Das ist Königin Elisabeth von Rumänien, die Frau Carols I., eine geborene deutsche Prinzessin zu Wied. Adel und angesehene Bürger, dazu Künst ler wie Joseph Kainz, der vergötterte Schauspieler, trafen sich am Strand und ab 1912 auf der hochgemauerten Kurpromenade, wo die Kurkapelle auf spielt. »In Westerland auf Sylt«, vermeldete 1921 der Berliner Feuilletonist Victor Auburtin sprachlich richtig (denn auj 'Westerland und /// Sylt, wie manche Fremden sagen, ist falsch), »sind außer mir schon viele elegante Leute anwesend«; und seine Spottfeder notierte so »schöne altfriesische Namen wie Troca dero, Bristol, Astoria«, Namen von Tanzlokalen, wobei anzumerken ist, daß Diskoschwof auf Sylt heute nur eine kümmerliche Rolle spielt. Auf dieser Insel frönt man an erster Stelle der Gesundheitspflege von Leib und Seele in fri scher Luft, die dank der Winde, die meist von Westen her wehen, viel Salz und Jod enthält und des halb besonders belebend wirkt. Das Klima gilt als kräftigend, und das besonders im Wechsel von Wärme und Kältercizcn. Ein tagelang »schön heißes Wetter« bei Ostwindlagen macht unlustig und fallt nicht nur den eingesessenen Insulanern auf die Nerven. Das Meer ist vor Sylt zweifellos sauberer als an den meisten Mittelmeerküsten. Die Wasserqualität wird kontrolliert, und auch diese Kontrollen werden wie derum kontrolliert. Algenblüte ist Episode geblichen. Auf die Dauer freilich wird man im Meer nur baden können, wenn der internationale Schutz der Nordsee verstärkt wird. Das Seehundsterben im Sommer 1988, auch wenn es nicht oder nur in komplizierten Zusammenhängen durch Schädigung des Meeres bedingt war, hat das Uni weltschutzbewußtsein nachhaltig gestärkt. »Unter allen Umständen bade man ohne Kleidung«, hatte schon 1850 der Arzt Dr. Jenner empfohlen, wobei er wohl im Trau me nicht daran gedacht hatte, das dürfe ohne schützende Vor hänge vor den ins Wasser geschobenen Badekarren geschehen. Und schon gar nicht daran, wie Westerland hundert Jahre später die Reste einer Prüderie tilgte, die mit dem Schild »Halt! Damenbad« die durch den Sand stolzierenden Herren schreckte. Westerland warb in den ersten sogenannten Wirtschaftswunderjahren mit einem Plakat, auf dem sich eine Schöne in die Brandung wirft: Badeanzug ein teilig. Für die nächste Saison das gleiche Bild, aber: Bikini. Und im dritten Jahr: nichts weiter als Sonnenbräune. Seither ist FKK, das Kürzel für die Vokabel »Freikörperkultur«, längst kein Wisperthema mehr. Es gibt »Textil strände«; und wer da nackt um herläuft, begeht eine der schwer sten Sünden auf Sylt: Er ist unhöflich. An allen anderen Stränden badet man, wie man will, mit oder ohne Zeug und ohne ist mindestens bequemer. Am I.Juni 1927 kam der erste Zug über den Damm im Wattenmeer. Daß Sylt seitdem seinen Inselcharakter eingebüßt habe, können nur Pedanten behaupten. Natürlich hat auch Sylt seinen Tribut an die fordernde Massengesellschaft zahlen müssen. Wer die Inselruhe liebt, weicht immer mehr der Hochsaison aus. Im Frühjahr ist Sylt am schönsten, im Winter nicht minder heilsam als im Sommer. Wer ein besseres Revier, ob für Ferientrubel oder Erholung, auf spüren will, der müßte heute an allen Küsten der Welt lange suchen. Haifische gibt es hier nicht, allenfalls mal an Land. Sylt ist teuer; aber wer hier die Geld scheine flattern läßt, ist ein Narr. Also, entdecken Sie Sylt! Und wenn Sie es schon kennen, ent decken Sie es neu! Ob auf dem Sandteppich, wenn das Wasser bei Ebbe zurückweicht, oder im Blick vom Roten Kliff, wenn die Sonne untergeht, so daß der Himmel aussieht wie auf einer Kitschpostkarte, oder auf den Wegen durch die Heide oder am Watt entlang, vorbei am Morsum-Kliff oder am Grünen Kliff von Keitum - was Sie finden werden, ist schließlich Ihr eigenes Ich. Denn Sylt hat immer noch Raum, wo man mit sich selbst ins reine kommt. Und Ihre nüchterne Erfahrung wird sein: Es ist leicht, Sylt zu schelten, viel leichter aber noch, es zu loben.